Die Milchstraße: Aufbau, Lage der Sonne und was wir über unsere Galaxis wissen
Erklärungen

Die Milchstraße: Aufbau, Lage der Sonne und was wir über unsere Galaxis wissen

Von Space Unpacked Editorial

Wir leben in einer Galaxis, die so groß ist, dass niemand einen Schritt zurücktreten und sie in einem einzigen Bild festhalten kann. Genau darin liegt die zentrale Herausforderung der Milchstraßenforschung: Wir versuchen, den Wald zu kartieren, während wir mitten zwischen den Bäumen stehen. Dennoch haben Astronominnen und Astronomen über Jahrzehnte ein erstaunlich klares Bild unseres Heimatsystems gewonnen – durch die Kombination präziser Sternkarten mit Beobachtungen im Radio-, Infrarot- und Röntgenlicht. Das Ergebnis ist ein Blick von innen nach außen auf eine Balkenspiralgalaxie: mit hellem Zentralbulge, weit ausgreifenden Spiralarmen, einem riesigen dunklen Halo und einer bewegten Wachstumsgeschichte durch Verschmelzungen.

Die Milchstraße ist jene Galaxis, die am dunklen Himmel als blasses, milchiges Band erscheint – ein Anblick, der lange bekannt war, bevor Galileo zeigte, dass das Leuchten aus unzähligen einzelnen Sternen besteht. Heute versteht man sie als rotierende Struktur aus Gas, Staub und Hunderten Milliarden Sternen, eingebettet in einen noch größeren Halo, der von Dunkler Materie dominiert wird. Sie gehört zur Lokalen Gruppe, einer kleinen Galaxiengemeinschaft mit der Milchstraße und der Andromedagalaxie als zentralen Mitgliedern – und ist damit keineswegs eine isolierte Insel im All.

Dieser größere Zusammenhang ist wichtig. Wie die Astronomen Joss Bland-Hawthorn und Ortwin Gerhard in ihrer Übersicht zu den Eigenschaften der Galaxis betonen, ist die Milchstraße ein Referenzobjekt für das Verständnis von Scheibengalaxien – weil sie die einzige ist, die wir Stern für Stern untersuchen können, von uralten Weißen Zwergen bis zu leuchtkräftigen Überriesen. Anders gesagt: Welches bessere Labor gäbe es als die Galaxis, in der wir ohnehin leben?

milky way

Der Aufbau der Milchstraße – vom Zentrum bis zum Halo

Im Zentrum liegt ein balkenförmiger Bulge, dicht gefüllt mit älteren Sternen. Dieser Bulge wird oft als kasten- oder erdnussförmig beschrieben und umgibt das zentrale supermassereiche Schwarze Loch der Milchstraße, Sagittarius A*. Schätzungen in den vorliegenden Quellen beziffern seine Masse auf etwa das Viermillionenfache der Sonnenmasse – es ist damit der gravitative Anker des gesamten Systems.

Jenseits des Bulges erstreckt sich die Sternscheibe – der Teil der Galaxis, der den Großteil des sichtbaren Lichts liefert und der Milchstraße ihre charakteristische, abgeflachte Form gibt. Die Scheibe misst etwa 100.000 Lichtjahre im Durchmesser und ist – je nach betrachtetem Bestandteil – ungefähr 1.000 bis 2.000 Lichtjahre dick. Die meisten mit bloßem Auge sichtbaren Sterne gehören zur dünnen Scheibe, in der sich Gas und Staub zu Wolken sammeln, die kollabieren und neue Sterne bilden. Spiralarmen durchziehen diese Region, darunter große Arme wie Perseus und Scutum-Centaurus sowie kleinere Strukturen wie der Lokale Arm beziehungsweise Orion-Arm, in dem sich die Sonne befindet.

Merkmal der Milchstraße Ungefährer Wert
Galaxientyp Balkenspiralgalaxie
Durchmesser der Sternscheibe Etwa 100.000 Lichtjahre
Abstand der Sonne vom Zentrum Etwa 26.000 Lichtjahre
Ein Umlauf der Sonne um das galaktische Zentrum Rund 225-250 Millionen Jahre
Masse von Sagittarius A* Etwa 4 Millionen Sonnenmassen
Durchmesser des Halos aus Dunkler Materie Mindestens 600.000 Lichtjahre

Die dünne Scheibe ist in eine dickere, lichtschwächere Scheibe aus älteren Sternen eingebettet; außerhalb beider liegt der stellare Halo, Heimat der ältesten bekannten Sterne der Galaxis. Viele dieser Halosterne sind in Kugelsternhaufen gebunden – dichten Schwärmen mit jeweils etwa 100.000 Sternen. Noch weiter außen befindet sich der deutlich massereichere Halo aus Dunkler Materie. In Chandras Übersicht wird betont, dass diese unsichtbare Komponente die gesamte Sternmasse der Milchstraße um etwa den Faktor zwanzig übertrifft und sich nur über ihre Gravitation bemerkbar macht.

Unsere Adresse in der Galaxis – und wie man sie bestimmt hat

Das Sonnensystem liegt im äußeren Bereich der Milchstraße, im Orion-Arm, rund 26.000 Lichtjahre vom galaktischen Zentrum entfernt. Wenn das Zentrum eine überfüllte Innenstadt ist, dann wohnen wir tatsächlich in den Vororten. Stillstehen tun wir dennoch nicht: Die Sonne umkreist das Zentrum der Galaxis und benötigt für einen Umlauf ungefähr 225 bis 250 Millionen Jahre. Als die Erde zuletzt an dieser Stelle ihrer Bahn um das galaktische Zentrum war, tauchten gerade erst die ersten Dinosaurier auf.

Diese kosmische Adresse zu bestimmen, erforderte weit mehr als gewöhnliche Himmelsbeobachtung. Staubbänder in der Scheibe absorbieren sichtbares Licht und verbergen riesige Bereiche der Galaxis – deshalb wirkt die Milchstraße am Nachthimmel fleckig. Um diese Verschleierung zu durchdringen, nutzen Astronominnen und Astronomen Mehrwellenlängen-Astronomie. Infrarotlicht dringt deutlich besser durch Staub als sichtbares Licht. Radiobeobachtungen verfolgen kaltes Gas, darunter Wasserstoff, der die galaktische Struktur nachzeichnet. Röntgenstrahlung, beobachtet vom Chandra-Röntgenobservatorium der NASA, legt die extremsten Umgebungen offen – Weiße Zwerge, Neutronensterne, Schwarze Löcher und mehrere Millionen Grad heißes Gas nahe dem Zentrum.

Besonders aufschlussreich ist Chandras Blick auf das Galaktische Zentrum. Das Mosaik der zentralen Region zeigt Hunderte kompakte Sternüberreste, eingebettet in heißes Gas, sowie Hinweise darauf, dass Materie vom Zentrum in die weitere Galaxis hinausströmt. Der Kern der Milchstraße ist also nicht bloß ein statisches Zentrum; er ist ein chemisch aktiver Motor, der angereichertes Gas in die umgebende Scheibe verteilen kann.

Den größten Sprung bei der modernen Kartierung brachte jedoch die Gaia-Mission der Europäischen Weltraumorganisation. Indem Gaia Positionen, Entfernungen und Bewegungen von mehr als einer Milliarde Sternen vermisst, hat die Mission die Milchstraßenforschung von Skizzen zu 3D-Kartografie weiterentwickelt. Sie hat die Form der Spiralarme präzisiert, gezeigt, dass die Scheibe gewölbt ist und nicht perfekt flach, und es ermöglicht, Teile der Vergangenheit der Galaxis zu rekonstruieren, indem man Sternbewegungen in der Zeit zurückverfolgt.

milky way

Eine Galaxis in ständiger Entwicklung

Die Milchstraße entstand nicht in einem einzigen ruhigen Moment. In den Quellen wird sie als Galaxis beschrieben, die sich über etwa 12 bis 13,6 Milliarden Jahre durch wiederholte Verschmelzungen und anhaltende Akkretion von Gas aufgebaut hat. Hinweise aus Gaia zeigen, dass einige Sternpopulationen in unserer Nachbarschaft vermutlich aus kleineren Galaxien stammen, die vor langer Zeit zerrissen und einverleibt wurden. Ein solcher Eindringling, die Sagittarius-Zwerggalaxie, hat die Scheibe der Milchstraße wahrscheinlich mehrfach durchquert, dabei Sternentstehung angeregt und womöglich dazu beigetragen, einige der heute sichtbaren Strukturen zu formen.

Das macht die Milchstraße weniger zu einem fertigen Objekt als zu einem fortlaufenden Prozess. Gaswolken fallen weiterhin nach innen. Satellitensysteme umkreisen sie noch immer und treten in Wechselwirkung. Im Halo sind weiterhin Spuren uralter Kollisionen konserviert. Selbst die Spiralarme könnten vergleichsweise kurzlebige Erscheinungen sein, die sich auf Zeitskalen bilden und wieder auflösen, die deutlich kürzer sind als das Alter der Galaxis.

Und dann ist da noch Andromeda. Als Teil derselben Lokalen Gruppe bewegt sie sich auf einer Bahn, die in etwa 4 bis 5 Milliarden Jahren in eine Kollision mit der Milchstraße münden könnte. Diese zukünftige Begegnung würde beide Galaxien drastisch umformen – auch wenn direkte Zusammenstöße zwischen Sternen aufgrund der enormen Abstände vermutlich selten bleiben. Bis dahin wird sich die Milchstraße, wie wir sie heute kennen – der leuchtende Strom am dunklen Himmel, die Balkenspirale mit einem verborgenen Schwarzen Loch im Herzen – ohnehin schon viele Male verändert haben.

Gerade das macht ihren Reiz aus. Unsere Galaxis ist nicht nur die Kulisse der Menschheitsgeschichte; sie ist eine dynamische, rotierende Stadt aus Sternen, deren Struktur, Bewegungen und verborgene Bestandteile nun endlich schärfer in den Blick geraten. Und weil wir uns in ihr befinden, ist jede neue Karte – ganz wörtlich – auch eine bessere Karte von zuhause.